Türkei: Ein unverhoffter Tee

9. September 2022 8 By Anton Gruber

Ich bin mittlerweile seit fast zwei Wochen unterwegs und entdecke die Türkei. Das Land beeindruckt mich durch seine Widersprüche sehr: Zum Einen ist die aktuelle politische Situation sehr schwierig,überall hängt die türkische Flagge, es gibt Straßenkontrollen und Sicherheitschecks wie am Flughafen an jedem belebten Ort und gefühlt ist alle paar Wochen ein Feiertag zu Ehren eines militärischen Ereignisses. Auf der anderen Seite besticht das Land mit seiner Natur, aber Allem voran sind die Menschen selbst unglaublich gastfreundlich, interessiert und laden einen immer wieder zum Tee ein. Von einem solchen Tee will ich heute erzählen.

Kappadokien: Jeden Morgen schweben zahllose Heißluftballons über den spitzen Bergen dieser schrägen Landschaft. Dafür bin selbst ich vor Sonnenaufgang aufgestanden

Ich habe die gesamte Türkei per Anhalter durchquert und bin grade auf dem Weg zurück an die Südküste aus Istanbul. Dort hatte ich für ein paar Tage einen anderen Tramper getroffen, der ähnlich wie ich die Welt ohne Flugzeug bereist – leider aber in Richtung Osten unterwegs ist. Ich bin wegen eines großen Schauers erst nachmittags erst losgekommen und so ist es kein Wunder, dass ich es zum Abend nur auf eine Raststätte kurz hinter der Stadtgrenze und auf der Autobahn Richtung Bursa geschafft habe. Da aber in der Türkei wildcampen generell in Ordnung ist, schlage ich direkt neben der Tanke mein Zelt zwischen zwei Büschen auf, schnappe meine Kochsachen und beginne damit, Abendbrot a la Kantstein unter einer Straßenlaterne zuzubereiten. Es gibt Nudeln mit Erbsen/Karottenkombi aus der Dose und eine Zwiebel, die ich im Nudelwasser mitkoche – ein bisschen Biss ist ja auch nicht verkehrt. Neben mir kommen die letzten Gäste aus dem Autobahnrestaurant, ein paar Autos parken etwas weiter weg und zwei Katzen interessieren sich sehr für meine Kochkünste. Während ich mein Abendessen (zum Missfallen der Katzen alleine) verdrücke, kommt ein Junge von den parkenden Autos zu mir, in der Hand ein Pappbecher mit frischem schwarzen Tee und ein paar Zuckerstückchen. “Ohh, çok Tesekküler, vielen Dank dir” sage ich und nehme den Tee entgegen. Der Junge, ein wenig schüchtern, freut sich und läuft ohne weitere Worte zurück. Ich beobachte, wie er sich zu seiner Familie etwa 200m auf einen Teppich auf einer der Grasflächen setzt. Die Eltern schauen auch zu mir, und ich winke. Kurze Zeit später rufen sie mich herüber und ich lasse mein Abendbrot am Straßenrand liegen und komme, um mich vorzustellen.

Die Familie besteht aus einem Paar und ihren zwei Söhnen. Keiner spricht wirklich gut englisch, doch dank meiner Google Sprachübersetzungsapp ist das kein Problem. Die Frau besteht darauf, bei Ihrem Abendessen mitzuessen und schenkt mir Tee nach. Der zweite, jüngere Sohn bringt außer Ruflauten nichts hervor. Ich unterhalte mich währenddessen mit dem Vater. Er erzählt mir von sich, seiner kurdischen Herkunft, von seiner Familie und von seinem jüngeren Sohn, der das Downsyndrom hat. Für mich machte das tatsächlich keinen großen Unterschied, da der Sohn trotz seiner Sprachschwierigkeiten sich mit Gebärden einigermaßen ausdrücken kann. Mache ich ja nicht anders, türkisch kann ich sowieso nicht so gut. Sowohl Sohn als auch Vater reichen mir die Hand und lächeln. Mir wird ganz warm von der Liebe und Gastfreundschaft und weil ich sehen kann, wie wichtig dem Vater seine Familie ist. Ich habe davon gehört, dass Kurden es nicht einfach in der Türkei haben, will aber das Thema nicht anschneiden. Der Vater erzählte weiter, dass es Dönermeister ist und 16 Stunden am Tag hinter dem Spieß steht. Nachdem er für seine Familie und sich 4 Tage Urlaub gefordert hat, hat ihn Chef gefeuert. Trotzdem sind sie los, mit einem Auto von Bekannten. Den Sprit können Sie bezahlen, weil der Vater sein Smartphone gegen ein altes Tastenhandy eingetauscht hat. Ich bin sprachlos und gerührt. Obwohl die gesamte Familie am Existenzminimum lebt, laden sie mich ein, zu essen, zu trinken, mitzufahren und mit ihnen zu übernachten. Mitfahr- und Übernachtungsmöglichkeit lehne ich dankend ab, aber trotzdem sind wir alle sehr glücklich mit der Situation und freuen uns an dem unwirklichen Zusammenkommen. Der Vater erzählt am Ende noch, dass sie eigentlich früher schon rasten wollten, wegen des Regens aber erst jetzt Pause machen. Und dass er sehr glücklich ist, mich getroffen zu haben. Wir sind uns alle einig: Alles passiert aus einem Grund.

Ich hoffe, euch rührt die Geschichte genauso wie mich. Grade solche Begegnungen zeigen mir, was im Leben wirklich wichtig ist.